Der Fachkräftemangel kommt!

Schon lange jammert die deutsche Industrie über einen latenten Mangel an Fachkräften. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag definiert Fachkräftemangel in seiner aktuellen Frühjahrsumfrage als „das größte Geschäftsrisiko für Unternehmen“. Mehr als die Hälfte aller befragten Unternehmen sieht ihre wirtschaftliche Entwicklung durch einen Mangel an Fachkräften gefährdet. Wie relevant ist das Thema für ländliche Genossenschaften?

Durch Fusionen, Übernahmen und Abwicklungen gibt es immer weniger ländliche Genossenschaften. In den letzten 15 Jahren sank der Bestand an Raiffeisen-Genossenschaften um rund 40 Prozent. Ebenso haben seitdem Digitalisierung und Automation Einzug in den Genossenschaftsbereich gehalten.

 

Davon profitiert nicht nur der Landwirt mit immer größeren und eigenständigeren Landmaschinen sowie einem immer professionelleren digitalen Controlling – auch die Bezugs- und Absatzgenossenschaften konnten in den letzten Jahren viele Prozesse automatisieren. Dies legt den Verdacht nahe, dass ländliche Genossenschaften weniger vom Fachkräftemangel betroffen sind als andere Branchen.

 

Bei genauerem Hinsehen jedoch werden alle ländlichen Berufe zukünftig deutlich stärker vom Fachkräftemangel betroffen sein als die meisten anderen Branchen:

  • Umsatz und Gewinn je Arbeitskraft sind in vielen Industriebranchen deutlich höher als im Agrarsektor. Arbeitnehmer im ländlichen Raum verdienen im Schnitt folglich auch deutlich weniger als Industriearbeiter. Es liegt daher nahe, dass Arbeitskräfte aus ländlichen Sektoren in Industriesektoren abwandern, falls es dort gut bezahlte freie Jobs gibt. Mit anderen Worten: Die Industrie löst ihr eigenes Fachkräfteproblem auf Kosten ländlicher Branchen.
  • Der demografische Wandel betrifft fast im gesamten Bundesgebiet insbesondere den ländlichen Raum; junge Leute wandern in die Städte oder Speckgürtel ab – und bleiben meist dort. Die städtische Bevölkerung wächst fast überall, breite Landstriche jedoch bluten aus. Folge: Ländliche Berufe sind überproportional vom Fachkräftemangel betroffen.
  • Anders als die international aktiven Industrie- und Handelskonzerne können ländliche Genossenschaften Tätigkeiten, für die sie hier keine geeigneten Arbeitskräfte finden, kaum ins Ausland verlagern.
  • Ländliche Genossenschaften genießen unter so genannten „high potentials“ (also jungen, gut ausgebildeten Menschen mit besten Karriereaussichten) keinen besonders guten Ruf. Viele der ländlichen Genossenschaften können weder große Karrierechancen, noch andere Anreize wie berufliche Weiterbildung oder interessante Auslandsaufenthalte bieten.

 

Viele Genossenschaften klagen heute schon über große Nachwuchsprobleme. Anderen gelingt es, durch eine bessere Einbindung älterer Arbeitskräfte Lücken abzufedern. Manch eine ländliche Genossenschaft hat Glück, dass sie in der Vergangenheit viele Nachwuchskräfte ausgebildet hat und das Problem bis auf weiteres nicht spürt.

 

Dies ändert jedoch nichts daran, dass das Problem kommen wird. Hierzu ein einfaches Zahlenbeispiel: In Deutschland lebt rund 1 Million Menschen, die im Jahr 1953 geboren wurden – sie erreichen 2018 das Renteneintrittsalter. Dem stehen nur 800.000 im Jahr 2000 geborene Menschen gegenüber, die 2018 erwachsen werden und neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Mit anderen Worten: Netto scheiden im kommenden Jahr 200.000 Menschen aus dem Erwerbsalter aus; dies bedeutet einen Verlust von über 100.000 bis 150.000 Arbeitskräften – und zwar allein in einem Jahr.

 

Bis 2029 kommt es noch schlimmer: Dann scheiden 1,4 Millionen Menschen, die 1964 geboren wurden, aus dem Erwerbsalter aus, weniger als 700.000, die 2011 geboren wurden, kommen hinzu – der Nettoverlust für das Jahr 2029 beträgt somit über 700.000 Menschen, was rund 400.000 bis 500.000 Arbeitskräften entspricht.

 

Es bringt nichts, die Augen vor dieser Entwicklung zu verschließen; Deutschland verliert jedes Jahr Arbeitskräfte und ländliche Berufe sind davon überproportional betroffen. Ländliche Genossenschaften werden sich in den kommenden Jahren stärker um Fach- und Führungskräfte bemühen müssen als andere Branchen.

 

Wer sich damit beruhigt, dass er in Zeiten sinkender Umsätze und rückläufiger Marktanteile ja sowieso weniger Personalbedarf hat, denkt falsch. Richtiger wäre: „Bessere Mitarbeiter führen zu mehr Umsatz“. Wer glaubt, dass ein ausgedünnter Mitarbeiterstab die Herausforderungen der Digitalisierung bewältigen kann, der irrt.

 

Ein Beitrag von Kai Geisslreither

Bereichsleiter Agribusiness und Verbundgruppen

Akademie Deutscher Genossenschaften ADG

www.adgonline.de

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